Hamburg, 13. März 2017 - Unter dem Vorwand, Amtsvorgänger Sepp Blatter vergessen zu machen, kehrt Gianni Infantino beim operativen Personal mit eisernem Besen. Mit dem Austausch etablierter Kräfte stärkt der FIFA-Präsident seine eigene Position – und nimmt Qualitätsverluste in Kauf. SPONSORs skizziert das neue Machtgefüge in der FIFA-Zentrale.

Als Gianni Infantino beim außerordentlichen Kongress in Zürich am 26. Februar 2016 zum neuen FIFA-Präsidenten gewählt wurde, atmeten viele Verbandsmitarbeiter auf. Sein größter Konkurrent, Scheich Salman aus Bahrain, galt gemeinhin als wesentlich größerer Unsicherheitsfaktor in Bezug auf eine personelle Kontinuität in der Administration des Fußball-Weltverbands.

Natürlich rechneten einige Mitarbeiter damit, dass der frühere UEFA-Generalsekretär Infantino den einen oder anderen Vertrauten vom europäischen Verband zur FIFA herüberholen würde. Im FIFA-Direktorium, das den wohl profitabelsten Verein der Welt zu einer wahren Gelddruckmaschine gemacht hat, fürchtete aber niemand ernsthaft, vom smarten Walliser vor die Tür gesetzt zu werden. Natürlich würde Infantino bei den Funktionären in der strategischen Ebene des Weltverbands mächtig aufräumen – so die Annahme vieler Beobachter vor der Wahl. Insbesondere das ¬Exekutivkomitee war schließlich im Zuge der Korruptionsskandale um den Weltverband dauerhaft in die Schusslinie von Öffentlichkeit und Justizbehörden geraten. Selbst in der größten Krise wurde hingegen stets betont, wie erfolgreich die operative Administration des Verbands funktioniere. Warum sollte der neue Präsident also hier am Personalkarussell drehen?

Neun von zehn Direktoren weg

Rund ein Jahr ist seit Infantinos Präsidentenwahl vergangen. Entgegen den damaligen Erwartungen ist auch in der FIFA-Administration fast kein Stein auf dem anderen geblieben. Betroffen ist vor allem die Direktoren-Ebene – samt den dazugehörigen Büros und teils langjährigen Mitarbeitern. Neun von zehn Direktoren haben den Verband in den vergangenen Monaten verlassen oder mussten gehen.

Dazu haben natürlich auch Umstrukturierungen in der FIFA-Zentrale beigetragen. Unter den scheidenden Köpfen sind jedoch auch Funktionäre mit unbestrittener Erfolgsbilanz wie Marketing-Direktor Thierry Weil, TV-Direktor Niclas Ericson, Sicherheitschef Ralf Mutschke, Chefmediziner Jiri Dvorak oder Tatjana Haenni, die bisherige Direktorin Frauenfußball. Rein fachlich zu begründen sind viele personelle Abgänge nicht. Der Verlust einiger Führungskräfte dürfte schwer zu kompensieren sein und mindestens kurzfristig zu einem Qualitätsverlust in der FIFA-Administration führen.

Und: Der Leumund der scheidenden Mitarbeiter scheint einwandfrei. Im Gegensatz zu dem von Ex-¬FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke oder dem des ehemaligen Finanzdirektors Markus Kattner. Diese wurden von der FIFA entlassen und sehen sich vor Gericht schwerwiegenden Selbstbereicherungsvorwürfen ausgesetzt.

Bei der personellen Zäsur durch Infantino scheint es sich angesichts der unbestrittenen Qualitäten einiger Abgänge um mehr zu handeln als nur eine natürliche Fluktuation nach einem Wechsel an der Führungsspitze einer Organisation. Neben dem unbedingten Willen bei Infantino, mit den alten Kadern der Blatter-Ära aufzuräumen, scheint es dem neuen FIFA-Präsidenten vor allem um eines zu gehen: seine eigene Machtposition zu stärken.

Auf dem Zürichberg verfolgt Infantino seinen Plan offenbar seit Beginn seiner Amtszeit konsequent und ohne Rücksicht auf verdiente Mitarbeiter. In seinem Bemühen, „an allen wichtigen Schalthebeln innerhalb der FIFA seine Schattenmänner zu installieren“, gleiche Infantino bereits seinem Vorgänger, sagt ein ehemaliger ranghoher Mitarbeiter, der nicht genannt werden möchte. Überhaupt wollen die Gesprächspartner von SPONSORs bei diesem Thema lieber anonym bleiben. Angesichts der weitreichenden Geschäfte des Weltverbands möchte sich offenbar niemand Geschäftschancen für die Zukunft verbauen.

Seit dem Amtsantritt von Infantino haben allerdings nicht nur Direktoren, sondern insgesamt mehr als 90 Mitarbeiter die fast 500 Mann umfassende Verwaltung der FIFA verlassen, das sogenannte Generalsekretariat. Etwa einem Fünftel von ihnen soll seitens der FIFA gekündigt worden sein, der Rest soll – mal mehr, mal weniger freiwillig – gegangen sein. Ein Betroffener kritisiert eine „offensichtliche Willkür“, fühlt sich „mangelndem Respekt“ ausgesetzt und spricht von einer „Verunsicherung bei den Mitarbeitern“ in der FIFA-Machtzentrale.

Dass eine Umstrukturierung wie bei der FIFA selten ohne Nebengeräusche abläuft, muss natürlich berücksichtigt werden. Und eingestellt wurde in Infantinos erstem FIFA-Jahr auch kräftig: 115 neue Mitarbeiter sollen bereits hinzugekommen sein, rund
25 Angestellte wurden zudem befördert. Und das, obwohl der Weltfußballverband durch die umfassende Reorganisation seiner Administration den Betrieb in erster Linie effizienter, schlanker und zweckmäßiger gestalten wollte.

Vertraute in Position gebracht

Offiziell verantwortlich für Einstellungen und Entlassungen ist seit Juni 2016 Generalsekretärin Fatma Samoura, die an der Spitze der FIFA-Administration steht. Die langjährige UNO-Koordinatorin wurde beim FIFA-Kongress in Mexiko von Infantino ins Amt gehoben. Die Senegalesin, die keinerlei Erfahrung im Fußball besitzt, hat formell gesehen seitdem das wichtigste Amt in der FIFA inne. In der neuen FIFA-Betriebsstruktur, die unter der Führung von Samoura in zwei Bereichen agiert, hat Infantino neben ihr in leitender Funktion weitere enge Vertraute installiert.

Einer von ihnen ist Marco Villiger. Der Schweizer gilt als Infantinos Reform-Architekt und ist unter ihm zum stellvertretenden Generalsekretär aufgestiegen. Er leitet die Abteilung Rechtsdienste und Finanzen, in der alle kommerziellen Geschäftstätigkeiten der FIFA, aber auch Rechts- und Integritätsfragen sowie administrative Dienste angesiedelt sind. Der Schweizer erlangte als langjähriger FIFA-Chefjustiziar in der Krise des Weltverbands eine mächtige Position, als er eng mit den US-amerikanischen Behörden zusammenarbeitete. Villiger ist bereits seit 2007 bei der FIFA und verfügt, als einer der wenigen Verbliebenen innerhalb des Weltverbandes, über Insiderwissen aus der früheren Blatter-Zeit.

An Villiger berichtet mit Philippe Le Floc’h ein weiterer wichtiger Schattenmann Infantinos, in der neu geschaffenen Position des FIFA-Handelsdirektors. Le Floc’h, der von 1995 bis 2000 Vizepräsident der ehemaligen Sportrechteagentur ISL war, wechselte 2000 als Marketingdirektor zur UEFA und hat dort bereits bis 2010 unter Infantino gearbeitet. Der Funktionär mit französischer und Schweizer Staatsbürgerschaft beaufsichtigt nun alle Geschäftstätigkeiten der FIFA und ist dabei sowohl für das Marketing als auch die TV-Vermarktung des Verbands verantwortlich. Eine gewaltige Machtkonzentration in seiner Rolle.

Hierarchisch mit Villiger gleichgestellt ist der Leiter der neuen Abteilung Fußball, Zvonimir Boban – mit dem Infantino auch privat gut auskommen soll. Der ehemalige kroatische Nationalspieler kümmert sich um alle FIFA-Wettbewerbe und Veranstaltungen, die Mitgliedsverbände, die technische Entwicklung und den Frauenfußball. Er ist ebenfalls stellvertretender Generalsekretär und profitierte von der neuen Zwischenebene, die Infantino im Bereich der ehemaligen Direktoren eingezogen hat. In seiner Abteilung spielt mit Marco van Basten übrigens ein weiterer ehemaliger Starkicker. Der Niederländer galt lange als Infantino-Kritiker – bis der ihn im Herbst zur FIFA lobte.

Angesichts der jüngsten Personal¬entwicklung sind aus dem Umfeld und Innenleben des Verbands einige kritische Stimmen zu hören. Entgegen der Statutenänderungen aus dem vergangenen Jahr sei „weiterhin Infantino der starke Mann bei der FIFA und nicht Samoura als Generalsekretärin“. Der Schweizer, der als Präsident eigentlich vor allem für repräsentative Aufgaben zuständig ist, könne so „nahezu ungestört seine eigenen Pläne vorantreiben“. Und er präge weiterhin die Geschäfte der FIFA, obwohl ihm laut Statuten nur die Rolle eines Aufsichtsratschefs ¬zugedacht sei.

Indem Infantino mindestens teilweise Leute in Führungspositionen gehoben hat, die ihn im operativen Geschäft unentbehrlich erscheinen lassen, lässt er keinen Zweifel an der wahren Chefrolle im Weltverband. Seine Kritiker behaupten: Wichtige Prinzipien der guten Unternehmensführung wurden dem eigenen Machtstreben untergeordnet. In seinem Bemühen, Amtsvorgänger Blatter vergessen zu machen, muss Gianni Infantino aufpassen, dass er nicht in die gleiche Machtpolitik verfällt.

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