Wien, 17. Juli 2017 - Uwe Bein, Fußballweltmeister von 1990, ist noch immer nah dran an seinem Ex-Klub Eintracht Frankfurt. Im exklusiven bwin Interview spricht er auch über seine früheren Vereine 1. FC Köln und den HSV. Zu den Wechselgerüchten um Frankfurts Torwart Lukas Hradecky hat er eine dezidierte Meinung. Eine prägende Erfahrung in der langen Karriere des Mittelfeldtechnikers waren die zweieinhalb Jahre bei den Urawa Red Diamonds aus Japan Mitte der 90er Jahre. Er war damit einer der ersten deutschen Kicker in Asien. Mit Sicherheit hätte er den einen oder anderen Tipp für Lukas Podolski parat. Auch weil er eine Fußballschule betreibt, macht er sich keine Sorgen um die Zukunft des deutschen Fußballs.

Der 1.FC Köln spielt wieder international, nachdem man Fünfter in der Liga geworden ist. Was macht die erfolgreiche Arbeit von Trainer Peter Stöger und Sportdirektor Jörg Schmadtke aus?
Uwe Bein: "Die beiden sind offensichtlich ein sehr gutes Team, das sowohl im menschlichen als auch im sportlichen Bereich auf einer Wellenlänge liegt. Dort kann man sehen, dass sich der Erfolg auch einstellt, wenn Trainer und Manager ruhig und sachlich miteinander arbeiten. Großartig, was sie in den letzten Jahren aufgebaut haben, wenn man bedenkt, dass sie vor nicht allzu langer Zeit noch in der 2. Liga gespielt haben. Ich hoffe es für Köln, dass es in dieser Tonart die nächsten Jahre weitergeht und sie sich in der Liga dort etablieren, wo sie hingehören."

Was ist für Köln international möglich?
Uwe Bein: "Die Euphorie ist in Köln sowieso da, da muss man sich keine Sorgen machen. Ein wichtiger Punkt ist vielleicht, dass sich bei Mannschaften wie Freiburg, Frankfurt oder Köln keiner verletzen darf, weil die Kaderbreite nicht in der Form wie bei den Bayern oder dem BVB gegeben ist."

Hat man sich bisher gut verstärkt?
Uwe Bein: "Ich bin leider nicht so gut informiert, was Abgänge und Neuzugänge beim 1.FC Köln betrifft. Das Wechseltheater rund um Anthony Modeste war für den Verein, gerade in einem Umfeld wie Köln, nicht gerade zuträglich und einfach mühsam. Ich war mir aber sicher, dass sich Stöger und Schmadtke hier nicht auf der Nase rumtanzen lassen und das im Sinne des Vereins regeln würden."

Was ist von Eintracht Frankfurt in der kommenden Saison zu erwarten?
Uwe Bein: "Die Euphorie nach der letzten Saison ist riesengroß. Vor allem, nachdem das Pokalendspiel so knapp verloren wurde. Leider wechseln wichtige Spieler wie Vallejo, aber ich bin sicher, dass Fredi Bobic und Niko Kovac eine mehr als schlagkräftige Truppe auf den Platz schicken werden."

Welcher junge Spieler kann es schaffen, eine ähnlich steile Entwicklung wie Jesus Vallejo zu durchlaufen?
Uwe Bein: "Spieler wie Tawatha, die schon gezeigt haben, was sie können."
Kann sich Frankfurt aus dem Abstiegskampf heraushalten?
Bein: "Da wird von vielen Seiten sehr viel Spekulation betrieben. Ich denke, dass nächste Saison acht, neun Mannschaften im hinteren Drittel und gegen den Abstieg spielen werden. Die Eintracht zähle ich da nicht dazu."

Einer der Leistungsträger, Lukas Hradecky, steht offenbar ebenfalls vor dem Absprung. Kann die Eintracht ihn halten?
Uwe Bein: "Er ist mit ins Trainingslager gefahren und dort wird mit Sicherheit noch das ein oder andere Gespräch geführt werden. Ich hoffe, dass er in Frankfurt bleibt, weil er ein exzellenter Rückhalt ist. Aber auch hier geht es wieder um das Geld. Vom sportlichen Gesichtspunkt aus muss man alles tun, um ihn zu halten. Aus wirtschaftlicher Sicht müsste man ihn jetzt verkaufen."

Wie bewerten sie finanzielle Kalküle von Fußballprofis? Ist Geld immer wichtiger als Loyalität zum Club?
Uwe Bein: "Lukas (Hradecky, Anm.d.Red.) muss sich die Frage stellen, welche Perspektive ihm der neue Verein geben kann. Es würde ja für ihn nichts bringen, wenn er jetzt beispielsweise zu Hannover 96 oder zum VfB Stuttgart wechselt. Es müsste schon ein Topklub sein, bei dem er international spielen kann. Alles andere wäre ein Abstieg."

Niko Kovac hat im Expertenkreis eine exzellente Reputation. Wie würden Sie ihn beschreiben? Ist er so gut, wie alle sagen, wenn man den Absturz in der letzten Rückrunde bedenkt?
Uwe Bein: "Meiner Meinung nach hat er außerordentlich gute Arbeit geleistet. Zuerst hat er die Mannschaft vor dem Abstieg gerettet. Damals habe ich gesagt, dass sich die Mannschaft immens weiterentwickeln wird, wenn er sie komplett auf eine Saison vorbereiten kann. So ist es dann auch gekommen. Die Hinrunde hat man ja auf Platz vier abgeschlossen, glaube ich. In der Rückrunde hat dann das nötige Quäntchen Glück gefehlt und noch dazu haben sich mit Hasebe und Mascarell zwei Führungs- und Stammspieler verletzt. Wirklich enttäuscht hat mich die Mannschaft nur einmal. Das war im Heimspiel gegen Wolfsburg, in dem man wirklich grottenschlecht war. Aber meiner Meinung nach kann man die Arbeit von Niko Kovac gar nicht hoch genug bewerten."

Sie hatten bei der Eintracht eine sehr erfolgreiche Zeit. Was war 1991/92 ausschlaggebend für das Verpassen der Meisterschaft?
Uwe Bein: "Das ist alles sehr lang her (lacht). Es gibt zwar immer Geschichten über den Zwist innerhalb der damaligen Mannschaft, aber wenn das so schlimm gewesen wäre, wie es kolportiert wird, hätten wir ja nicht so erfolgreich spielen können. Wir haben es damals selbst vermasselt. Die letzten zwei Heimspiele gegen Wattenscheid und Bremen hätten wir gewinnen müssen. Gegen Bremen haben wir einen klaren Elfmeter nach Foul an mir nicht bekommen und in Rostock das Gleiche. Da war das Foul zwar nicht an mir, aber der Elfmeter war noch offensichtlicher."

Was verbindet Sie heute emotional noch mit dem Verein?
Uwe Bein: "Dass ich vom ersten Tag an ein sehr positives Standing im Verein und bei den Fans hatte, obwohl ich in meiner Anfangszeit beim Nachbarn vom anderen Mainufer gespielt habe. Ich bin dort Nationalspieler geworden und habe die Weltmeisterschaft gewonnen. Es war eine wirklich schöne Zeit."

Sie waren auch eine Zeit lang Spieler des HSV. Dieses Jahr hat man zum dritten Mal in vier Jahren den Klassenerhalt nur mit sehr viel Glück geschafft. Was läuft da im Verein falsch?
Uwe Bein: "Das ist für mich sehr verwunderlich, weil der HSV finanzielle Mittel zur Verfügung hat, die viele andere Vereine nicht haben. Wenn man vier Jahre lang um den Abstieg bettelt und sich jedes Mal nur mit sehr viel Glück rettet, muss ja viel falsch laufen im Verein. Ich bin gespannt, ob das nächstes Jahr besser wird, vorstellen kann ich es mir nicht."

Also wird der HSV wieder gegen den Abstieg spielen?
Uwe Bein: "Man formuliert ja immer wieder den Anspruch auf die internationalen Plätze. Davon ist man aber meilenweit entfernt."

Nicolai Müller ist einer der wenigen Spieler, die aus dem Kollektiv positiv hervorstechen. Sollte er den Absprung zu einem anderen Verein wagen?
Uwe Bein: "Er hat immer noch Riesenpotenzial, keine Frage, aber er hat es bisher in Hamburg nie abrufen können. Woran das liegt, weiß nur er. Ich sehe ihn als gutes Beispiel dafür, dass beim HSV einiges im Argen liegen muss. Sowohl im Verein, als auch in der Mannschaft. Er ist nach Hamburg gekommen und seine Entwicklung stagniert im Grunde genommen."

Sie haben einige Zeit in Japan bei den Urawa Red Diamonds gespielt. Wie sehen Sie die J-League im Vergleich zur Bundesliga?
Uwe Bein: "Zu meiner Zeit hat man gesagt, dass die drei Topmannschaften im unteren Drittel der ersten Liga in Deutschland mitspielen könnten. Wie es derzeit ist, kann ich nicht genau sagen, aber mit der deutschen Liga kann man sie nicht vergleichen."

Verstehen Sie Spieler wie Podolski, die sich aktiv für eine Karriere in Japan entscheiden?
Uwe Bein: "Man kann in Japan sehr gut leben und als deutscher Spieler wirst du von den Fans hofiert. Er ist noch fit und seine Persönlichkeit passt sehr gut zu den euphorischen Fans vor Ort. Es hat aber sicher auch finanzielle Gründe. Alles in allem wird er dort eine schöne Zeit verbringen."

Was sind die größten Herausforderungen auf und abseits des Platzes für jemanden, der nach Japan kommt?
Uwe Bein: "Zuallererst die Sprache, ganz klar. Aber mit Englisch und dem Dolmetscher, den man zur Seite gestellt bekommt, funktioniert das eigentlich sehr gut. Was gerade für Podolski anstrengend werden könnte, ist, dass man sich als bekannter Fußballer kaum frei bewegen kann. Ich war zu meiner Zeit ein paar Mal mit Pierre Littbarski unterwegs und egal wo er war, eine Menschenmenge war auch dort. Noch dazu steht der Fußball viel mehr im Mittelpunkt als noch vor 10, 20 Jahren."

Sie sind Mitglied der golfenden Fußballer, der Gofus. Wie sind Sie dazu gekommen?
Uwe Bein: "Wie fast jeder Fußballer. Früher haben wir alle Tennis gespielt und irgendwann hat mich dann jemand zum Golfen mitgenommen. Das entscheidet sich dann innerhalb von zehn Minuten. Man schlägt ein paar Bälle und entweder macht es Spaß oder nicht. Mir hat es Spaß gemacht und dementsprechend bin ich zum Golf gewechselt. Der Ball wird sozusagen immer kleiner (lacht)."

Wer sind Ihre Favoriten für das nächste Turnier?
Uwe Bein: "Da gibt es einige, die viel besser sind als ich und auch ein viel besseres Handicap haben. So wie Klaus Fischer oder Rainer Bonhof zum Beispiel. Gegen solche Gegner zu gewinnen wird schwierig, da kommt es dann auch auf die Tagesform an (lacht). Am liebsten spiele ich Charity-Turniere, wo es nicht um Gewinnen geht, sondern darum Geld für einen guten Zweck einzuspielen."

Zusätzlich haben Sie Ihre eigene Fußballschule. Wie sehen Sie die Zukunft des deutschen Fußballs, sozusagen als Experte?
Uwe Bein: "Durch meine Fußballschulen gehen pro Jahr circa 2000 Kinder zwischen sechs und 14 Jahren. Da sind viele Jungs und Mädels dabei, die Talent mitbringen, das man nach zehn Minuten sofort sehen kann. Das entscheidet sich dann in einem gewissen Alter, in dem es heißt: Fußball oder etwas Anderes. Ganz grundsätzlich braucht man sich um den deutschen Nachwuchs keine Sorgen machen. Immerhin hat Deutschland gerade die U21-EM und den Confed-Cup gewonnen."

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