Hennef/Spiez, 05. April - Im schweizerischen Spiez werden am kommenden Mittwoch (10. April) die Sepp-Herberger-Urkunden verliehen. 13 Preisträger erhalten in den Kategorien Behindertenfußball, Resozialisierung, Schule und Verein, Fußball Digital sowie Sozialwerk die mit Geld- und Sachpreisen in einer Gesamthöhe von 58.000 Euro dotierten Auszeichnungen. Platz eins in der Kategorie Resozialisierung belegt die Justizvollzugsanstalt Iserlohn. Der Journalist Rainer Kalb über das Engagement der Haftanstalt.

Olaf Fiedler trägt sein Herz auf der Zunge. Wenn der Justizvollzugsbeamte über sein Sportprojekt spricht, das er zusammen mit fünf weiteren Kollegen seit vielen Jahren stemmt, dann sprudelt es förmlich nur so aus ihm heraus. „Ohne Herzblut würde das nicht funktionieren, es ist schon intensiv. Man braucht viel Kraft, denn es gibt auch schon mal Rückschläge“, berichtet der 53-Jährige, der am 1. Juli 30 Jahre als Vollzugsbeamter tätig sein wird. 26 Jahre davon hat er sich im Sportbereich engagiert und mit seinen Kollegen ein Projekt auf die Beine gestellt, „das so in Deutschland einmalig ist“.

Denn der Sport im Allgemeinen und im Speziellen der Fußball sorgen dafür, dass die jugendlichen Straftäter für ein Leben außerhalb der Gefängnismauern geschult werden. „Es handelt sich bei ihnen ja nicht um ein Werkstück, an dem man eine Feile ansetzt“, unterstreicht Fiedler, der auch betont, dass es ihm nicht zusteht, über „seine Jungs“ zu richten. Für ihn ist es eine Art Belohnung für seinen Einsatz und seine unermüdliche Arbeit, wenn ehemalige Gefangene immer noch Kontakt zu ihm halten und sagen: „Herr Fiedler, die schönste Zeit in meinem Leben war die Zeit im Sport bei ihnen.“ Fiedler stolz: „Das sagt schon einiges aus.“ Und wie integrativ, wie innovativ und sozial profund die Arbeit mit den Jugendlichen ist, zeigt auch, dass es bei der lokalen Stadtmeisterschaft eine gemeinsame Mannschaft von Inhaftierten, JVA-Bediensteten und ehemaligen Gefangenen gibt.

Teilnahme am Spielbetrieb

Im Fußballkreis Iserlohn hat man sich an die „verrückten Ideen“ (Fiedler über sich selbst) des Machers gewöhnt. Als aktiver Fußballer hatte er immer sehr guten Kontakt zu den lokalen Vereinen, vor allem auch auf dem Land. So kam es dazu, dass Spieler aus der JVA in lokale Kreisliga-Mannschaften integriert wurden. Aber es gelang Fiedler auch, eine eigene Gefängnismannschaft auf die Beine zu stellen, die als SG Iserlohn am Spielbetrieb des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen teilnimmt. In der WDR-Sendung „Sport inside“ wurde darüber ebenso wie auch schon in lokalen Medien berichtet. „'Immer nur Heimspiele', hieß der Titel“, sagt Fiedler, „aber das trifft den Nagel auf den Kopf.“ Weil Inhaftierte ja nicht zu „Auswärtsspielen“ reisen dürfen. Der anstaltseigene Rasenplatz – schon beim Bau der JVA angelegt – hat sich mehr als bezahlt gemacht.

„Mir war immer wichtig, dass nicht das Gewinnen oder Verlieren entscheidend ist, sondern das Auftreten und Verhalten. Wenn es 10:0 stehen würde und es gibt noch einen Elfmeter für uns, und der Torwart würde den verwandeln wollen, so etwas käme bei mir nicht infrage“, betont Fiedler. Respekt vor dem Gegner wird immer großgeschrieben, das wird den Gefangenen, die zwischen 16 und 22 Jahren alt sind, immer vermittelt. Schließlich sollen sie auf ein Leben außerhalb der Gefängnismauern vorbereitet werden. Dazu gehört auch, sich einzuordnen. Fiedler: „Wenn sie irgendwo angestellt sind, und der Chef sagt, ‚morgen kommst du statt um acht schon um sieben‘, dann müssen sie halt um sieben anfangen.“

Die Schule des Lebens: Fiedler und seine engagierten Kollegen in Iserlohn versuchen, die Grundlagen bei den Gefangenen zu legen, damit sie später ihr Leben wieder in den Griff bekommen. „Und die Jungs wissen, dass es von mir auch mal einen flotten Spruch gibt, das brauchen die“, schmunzelt Fiedler.

Sport spielt wichtige Rolle

Dass seine Initiative nun im schweizerischen Spiez mit der Sepp-Herberger-Urkunde ausgezeichnet wird, ist für den Justizvollzugsbeamten etwas ganz Besonderes: „Das erfüllt mich schon mit besonderem Stolz.“ Er ist froh, dass die Anstaltsleitung sein Bemühen immer unterstützt hat: „Das war eine große Hilfe. Der Sport spielt für die Jugendlichen eine ganz wichtige Rolle. Wir haben auch eine erfolgreiche Basketballmannschaft.“ Und seit Kurzem gibt es auch ein Frauenteam, denn 60 bis 70 Straftäterinnen gehören neben den 120 männlichen Strafgefangenen mittlerweile ebenfalls zur JVA Iserlohn.

Seit dem vergangenen Jahr nehmen die inhaftierten Frauen erfolgreich an der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ der Sepp-Herberger-Stiftung teil. Fußball-Weltmeisterin Annike Krahn konnte als Patin für das Resozialisierungsprojekt im Sauerland gewonnen werden und war im Dezember 2018 zuletzt für eine gemeinsame Trainingseinheit vor Ort. Horst Eckel, Oliver Kahn, Otto Rehhagel und Helmut Haller statteten der JVA ebenfalls in der Vergangenheit bereits Besuche ab. Eine lange Tradition und ein erfolgreicher Weg liegen hinter Fiedler und seinen Kollegen, die mit vollem Elan die nächsten Projekte angehen.

Der erste Preis bei den Sepp-Herberger-Urkunden 2019 geht in der Kategorie Resozialisierung an die JVA Iserlohn. Es folgen auf den Plätzen zwei und drei die JVA Zweibrücken (Südwestdeutscher Fußballverband) und der frühere Strafgefangene Omar Oumari (Berliner Fußball-Verband).


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