Hennef, 23. September 2019-Große Ehre für die Initiative „Anstoß für ein neues Leben“: Die Resozialisierungsinitiative der Sepp-Herberger-Stiftung wurde durch die UEFA als bestes Breitenfußball-Projekt des Jahres 2019 ausgezeichnet. Den Preis überreichte UEFA-Präsident Aleksander Čeferin in Nyon. Seit dem Jahr 1977 engagiert sich Deutschlands älteste Fußballstiftung in Haftanstalten. Seit dem Jahr 2008 zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit, den jeweiligen DFB-Landesverbänden und weiteren Kooperationspartnern im Rahmen der Anstoß-Initiative insbesondere für junge Männer und Frauen in Haftanstalten. 22 Justizvollzugs- und Jugendstrafanstalten aus zehn Bundesländern sind aktuell mit über 200 Jugendstrafgefangenen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren mit dabei.

Ziel ist es, die Jugendstrafgefangenen während der Haftzeit aktiv auf die Zeit danach vorzubereiten. Dabei werden sie beispielsweise zu Trainern und Schiedsrichtern ausgebildet, nehmen an Musik-Workshops und gewaltpräventiven Programmen teil und erhalten spezifische Unterstützung der Arbeitsagentur.

Omar Oumaris Geschichte zeigt, dass Fußball auf dem schwierigen Pfad zurück ins bürgerliche Leben ein wertvoller Wegweiser sein kann. DFB-Redakteur Thomas Hackbarth hat den früheren Teilnehmer der Anstoß-Initiative in Berlin getroffen.

Omar Oumari fehlte jede Vorgeschichte. Er war nie Intensivtäter gewesen, wurde nie als habituell gewalttätig eingestuft. Omar war nie von der Schule geflogen. Als Kind einer kurdischen Familie geboren, aufgewachsen in Schöneberg, dort wo das KaDeWe steht, acht Geschwister, ein talentierter Stürmer. Es war okay, Sonnenzeit, alles auf dem Weg. Aber wenn Omar abends loszog, trug er ein Messer bei sich. Immer mehr Heranwachsende tragen ein Messer am Mann. Jeder Dritte in den Flächenländern, mehr noch in den Großstädten – so belegt es eine aktuelle Studie. Kriminologen sprechen von stetig aggressiver interpretierten Männlichkeitsnormen. Irgendwann an diesem Abend zückte Omar Oumari sein Messer. In seinem Umfeld hat er reinen Tisch gemacht. Beim Arbeitgeber, beim Verein. Außerhalb dieser Lebensbereiche mag er nicht über seine Straftat reden. Er sagt: „Ich war keiner, der immer Scheiße gebaut hatte. Es war diese eine Sache gewesen. Dieser eine Abend.“ Zu vier Jahren und neun Monaten Haftstrafe wurde er verurteilt.

Seit acht Jahren ist er wieder auf freiem Fuß. Der Fußball hat ihm zumindest dabei geholfen, sich wieder den Weg in ein bürgerliches Leben zu bahnen. Als ihm der Berliner Fußball-Verband (BFV) gewährte, die Schiedsrichterprüfung abzulegen, war das für Omar Oumari der Anstoß für ein neues Leben. Heute ist er 33 Jahre alt, groß gewachsen, kräftig. Er sitzt hier auf dem Sofa im kleinen Büro von Viktoria Mitte. Es ist ein Kommen und Gehen, kein Wort ungehört, aber er will das Interview hier führen. Er hat ein schwerwiegendes Verbrechen begangen und wurde für eine lange Zeit inhaftiert. Vor acht Jahren kehrte er in die Freiheit zurück. Erfolgreich, bis heute. Er muss kein Versteck mehr spielen. Leise sagt er: „Direkt nach der Inhaftierung war ich ganz tief unten. Da drinnen, da hat man schon lange nachgedacht, was machst du besser, wenn du wieder rauskommst.“

Zweite Chance im Berliner Fußball-Verband
Als er entlassen wurde, wollte er vieles anders machen, aber Fußball, den wollte er immer noch spielen. Erst als Freigänger beim MSV Mariendorf, später nach der Haftentlassung wieder in Wilmersdorf. Er bekam einen Job, als Küchenhilfe in einem Burger-Restaurant. „Mir wurde schnell klar, jetzt musst du dich entscheiden, entweder Fußball spielen oder arbeiten gehen und Geld verdienen.“ Heute ist er stellvertretender Filialleiter. 70 Prozent Touristen, immer Betrieb, immer Hektik, Sprachengewirr, ein Stressjob im Schichtbetrieb zwischen 8 Uhr morgens und 2 Uhr nachts. „Eigentlich“, sagt er, „bin ich nur zu Hause und auf der Arbeit.“

Und auf dem Fußballplatz. Aufgrund seiner schweren Straftat hätte er nie mehr eine Schiedsrichterprüfung ablegen dürfen. Doch Gerd Liesegang glaubte an Omar Oumari. „Im Kern ist er ein guter Junge, bei ihm lohnt sich die zweite Chance“, sagt Liesegang, Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes. Er kommt bis heute zu Oumaris Spielen. „Omar hat Talent“, sagt der BFV-Vize über den zum Regelhüter gereiften Regelbrecher. Oumari pfeift in der Bezirksliga ein Spiel pro Wochenende, als Assistent steht er in der Landesliga am Platzrand. Seine Arbeitszeiten trägt er online ins Berliner Schiedsrichterportal ein, dann wird er für die passenden Spiele eingeteilt.
„Ich bleibe immer ich. Wenn heute jemand aggressiv wird, schaffe ich es, meine Linie zu halten. Mein Vorbild ist Collina. Der konnte auf dem Platz auch mal lachen und hat dennoch sein Ding durchgezogen. Ich bin ehrgeizig, ein paar Klassen hoch will ich noch klettern.“

Den Fußball als Mittel zur Resozialisierung zu nutzen, hat Geschichte. Sepp Herberger besuchte vor bald 50 Jahren, im Dezember 1970, erstmals eine Justizvollzugsanstalt im badischen Bruchsal. Herbergers Bemühen wurde im März 1977 in der in seinem Namen errichteten Stiftung institutionalisiert. Otto Rehhagel, Jens Nowotny, Dr. Markus Merk und FIFA-Referee Christian Dingert, auch Wolfgang Dremmler, Nadine Keßler, Ottmar Hitzfeld, Uwe Seeler und Horst Eckel – immer wieder gehen Persönlichkeiten des Fußballs ins Gefängnis, um mit den Strafgefangenen zu reden. Über Disziplin, Zuversicht, Ehrlichkeit, Regeln, Wille, Gemeinschaft, Fußball. Meistens dauern die Besuche ein oder zwei Stunden länger als angesetzt.

Omar: „Schönes Gefühl, aus der JSA rauszugehen!“
Bundesweit läuft die Stiftungsinitiative, man kooperiert mit der Bundesagentur für Arbeit, den lokalen Jobcentern und dem jeweiligen Fußballverband. Für junge Gefangene schlägt das Projekt eine Brücke in den Lebensabschnitt nach dem Jugendstrafvollzug. Jugendkriminalität in Deutschland war lange rückläufig. Zwischen 2007 und 2015 hatte sich der Anteil der Tatverdächtigen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren halbiert. Dabei gilt Jugendkriminalität als ubiquitär, das heißt im statistischen Sinne als „normal“. William Shakespeare empfahl, junge Männer für ein Jahrzehnt präventiv wegzusperren. 400 Jahre später kommen immer neue Straftaten dazu. Etwa „Happy Slapping“, das Schlagen eines Opfers und anschließende Posten des Videos, um den Menschen ein zweites Mal zu erniedrigen.

Omar Oumari hat ein weitaus schlimmeres Verbrechen begangen. Wir stehen auf dem Kunstrasenplatz von Viktoria Mitte Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Verein im Spätsommer 2018 besucht. Viktoria Mitte mit seinen knapp 3.500 Mitgliedern leistet viel für die Integration. Viel zu viele junge Strafgefangene werden rückfällig. Omar glaubt, dass er es schaffen wird. „Eigentlich bin ich mir ziemlich sicher. Jeder sagte damals, ein Messer, das ist cool. Heute denke ich anders. Wenn ich Freunde von früher sehe, halte ich an, wir quatschen kurz, aber treffen möchte ich mich mit denen nicht mehr.“ Einmal in der Woche engagiert er sich ehrenamtlich. Er unterrichtet angehende Schiedsrichter in der Jugendstrafanstalt (JSA) Berlin in Plötzensee, ganz in der Nähe des Flughafens. Das letzte Sonnenlicht fällt auf ein buntes Graffiti hinter Omar. „Es ist immer ein schönes Gefühl, dann wieder aus der JSA rauszugehen“, sagt er.

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