Köln, 27. Januar - Über viele Monate haben die so genannten Gelbwesten-Proteste in Frankreich, insbesondere in Paris, das öffentliche Leben teilweise lahmgelegt. Abertausende von in gelben Westen gekleidete Demonstranten bestimmten vor allem an Wochenenden das Bild auf Frankreichs Straßen und Plätzen. Viktor Szilágyi, der Sportchef des THW Kiel, und THW-Trainer Filip Jicha hatten es dennoch zum vereinbarten Treffpunkt in Paris geschafft: ein stadtzentral gelegenes Hotel. Hier wollten sie sich mit Sander Sagosen (24) besprechen, ihn von einem der spektakulärsten Wechsel der letzten Jahre in der Handballwelt überzeugen.

Sie lockten Norwegens Superstar Sagosen von Paris St. Germain zum THW Kiel. So ein Gespräch, geführt auf Englisch, erfordert volle Konzentration.

Doch als wollten die Gelbwesten Sagosen trotz des Buhlens vom deutschen Rekordmeister in Paris halten – das von ihnen ausgelöste Chaos am Hotel wurde so groß, dass das Hotel evakuiert werden musste. Dennoch: Kiel schaffte den Coup. Sander Sagosen spielt ab der kommenden Saison für den THW Kiel. Er hat für drei Jahre an der Förde unterschrieben.

Seit der am Sonntag beendeten EM wissen selbst Handball-Laien, was das bedeutet. Das größte Versprechen des Welthandballs spielt ab August in der LIQUI MOLY HBL! Sagosen führte Norwegen mit einer unglaublichen Wucht, Präzision, Dynamik, Klasse und Nervenstärke zwar nicht bis zum ersehnten EM-Titel, aber immerhin zu Bronze. Sagosens Beitrag? Berufung ins All Star Team, bester Torschütze, die meisten Vorlagen. „Er ist im Moment der beste Spieler der Welt.“ Das sagt der Mann, der ihn noch am Freitag im Halbfinale mit Kroatien bezwang (29:28 nach zweimaliger Verlängerung) und an dessen Seite er ab der nächsten Saison noch besser werden will: Domagoj Duvnjak, Superstar von Kroatien sowie Herz und Hirn im Spiel des THW Kiel.

Es gehört zu den kuriosen Eigenarten dieser EM, dass Duvnjak (zum wertvollsten EM-Spieler gekürt) und Sagosen als Einzelkönner überragten, aber beide ihr Ziel EM-Gold verfehlten. Spanien verteidigte den Titel durch ein 22:20 gegen Kroatien.

Der Sagosen-Coup war auch ein Coup der Geduld. Und ein Beleg der internationalen Strahlkraft der LIQUI MOLY HBL. Schon vor fünf Jahren hatte der THW Interesse an Sagosen, der damals noch in Dänemark bei Aalborg Handbold spielte.

Szilágyi war damals selbst noch Profi. Sein größtes Aha-Erlebnis in Bezug auf Sagosen erlebte er jedoch 2017. Als Gegner! Mit der österreichischen Nationalmannschaft setzte er sich damals im WM-Play-Off gegen Norwegen durch. Aber dieser Sagosen faszinierte ihn: „Da war schon zu erkennen, dass er mal etwas ganz Besonderes werden könnte, eine prägende Figur des Welthandballs. Er kann seine Mitspieler besser machen. Er verstärkt jede Mannschaft."

Sagosen wechselte 2017 von Aalborg zu PSG. Inmitten der Ansammlung von Top-Stars wurde er immer stärker. DHB-Kapitän Uwe Gensheimer (bis zur Vorsaison bei PSG) erlebte den Aufstieg Sagosens live mit: in jedem Training, in jedem Spiel. Vor allem Nikola Karabatic, dreimaliger Welthandballer und überragender Handballer des vergangenen Jahrzehnts, wurde in Paris zum Referenzpunkt und Lehrmeister für Sagosen.

Als bei dieser EM Norwegen dank Sagosen über Karabatic und seine Franzosen triumphiert hatte, da legte Karabatic danach den Arm um Sagosen, beugte sich zu ihm und flüsterte ihm etwas zu. Der Gesichtsausdruck des Franzosen hatte dabei etwas Würdevolles. Es wirkte, als hätte Karabatic den Stab übergeben, als hätte er gesagt: „Ab jetzt bist du der Beste der Welt.“

Es ist nicht zu erwarten, dass Sagosen die durch die EM vor allem auch in seinem Heimatland sprunghaft angestiegene Prominenz hemmt. Szilágyi sagt: „Er möchte sich in der LIQUI MOLY HBL, in der stärksten Liga der Welt, mit den stärksten Gegnern messen. Sander ist ein sehr selbstbewusster Spieler, der offen ausspricht, dass er der beste Handballer der Welt werden möchte."

Der Ehrgeiz von Sagosen kann auch schmerzhaft sein. Nicht nur für gegnerische Abwehrspieler – auch für seinen eigenen Bruder Ciljan. Dem band er als Jugendlicher mal den rechten Arm auf den Rücken. Er wollte, dass sein Bruder, auch ein talentierter Handballer, sich mal als Linkshänder versucht. Der Versuch scheiterte. Die Bruderliebe blieb bestehen.

Sagosen ist ein Familienmensch – und hat Handballgene im Blut. Sein Vater war auch Nationalspieler. Seine Schwester spielt ebenfalls Handball. Und auch in der Liebe war der Handball die Basis. Sagosen ist mit der norwegischen Nationalspielerin Hanna Bredal Oftedal (spielt in Silkeborg/Dänemark) liiert.
Von dort nach Kiel ist es nicht so weit. Somit macht Sagosens Wechsel auch aus privaten Gründen Sinn.

Er kommt gleichwohl mit einem klaren sportlichen Anspruch nach Kiel: „Ich habe mich bewusst für diese neue Herausforderung entschieden und bin mir sicher, dass ich in Kiel einen neuen Abschnitt meiner Karriere einläuten werde. Ich will mit dem THW alles gewinnen.“

Das mag für die nationale Konkurrenz des THW wie eine Drohung klingen. Gleichwohl wurde der THW für diesen Transferkracher auch von seinen Rivalen gelobt. Denn sie erkennen: Mit Sagosen bekommt die LIQUI MOLY HBL eine neue Attraktion. Er ist schon jetzt Favorit für die Nominierung zum Welthandballer des Jahres. In Kiel wird er von einem trainiert: Filip Jicha erhielt die Auszeichnung 2010. Und er wird neben einem spielen. Domagoj Duvnjak war Titelträger 2013 und damit bisher letzter HBL-Profi, der diese renommierte Auszeichnung erhielt.

Szilágyi ist deshalb überzeugt: „Sein Wechsel zu uns zum THW ist gut für die gesamte Liga. Dieser Wechsel zeigt nämlich, dass sich die Besten der Welt nach wie vor in der LIQUI MOLY HBL beweisen möchten. Auf diesen Spieler kann die ganze Bundesliga stolz sein. Das ist ein Signal, wie attraktiv die Liga ist. Genau so, wie es die Vertragsverlängerungen von Domagoj Duvnjak und Steffen Weinhold waren. Die bleiben auch beim THW und damit in der LIQUI MOLY HBL, obwohl auch sie Angebote aus dem Ausland hatten."

Noch als 13-Jähriger hatte Sagosen ebenso gerne Fußball wie Handball gespielt. Aber vor allem sein Vater steuerte ihn mit sanfter Überzeugungsarbeit Richtung Handball. Manchmal trainierte er sogar bei bitterer nordischer Kälte draußen mit ihm. Das hat Sagosen abgehärtet. Damals war gleichwohl nicht zu ahnen, dass er zu einem neuen Nationalhelden Norwegens aufsteigen würde.

Aber anno 2017 ahnte der österreichische Nationalspieler Viktor Szilágyi auch nicht, dass er als Sportchef des THW Kiel mal mit der Verpflichtung eines unterlegenen Gegners in einem WM-Play-Off seinen größten Transfercoup stemmen würde.



Sander Sagosen im Steckbrief

Aktueller Verein: Paris Saint Germain
Alter:24
Position: Rückraum Mitte, Rückraum links
Größe 1,95 Meter
Wurfhand: rechts

Bisherige Vereine:
Kolstadt IL 2012 - 2013
Haslum HK 2013 - 2014
Aalborg Handbold 2014 - 2017
Paris Saint Germain 2017 - 2020
THW Kiel (ab 2020)

Erfolge:
Dänischer Meister 2017
Französischer Meister 2018, 2019
Französischer Pokalsieger 2018
Vize-Weltmeister 2017, 2019


Sander Sagosen in den Sozialen Medien

Instagram:
@sandersagosen
https://www.instagram.com/sandersagosen/?hl=de
Zum Spielerprofil:
https://en.psg.fr/teams/handball/squad/sander-sagosen
Zur Meldung: THW Kiel angelt sich Sander Sagosen
https://www.thw-handball.de/de/news/weitere/2019/maerz/thw-kiel-angelt-sich-ausnahmespieler-sander-sagosen/


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