Hennef / Elmshausen, 04. März - In Berlin werden am kommenden Montag die Sepp-Herberger-Urkunden verliehen. 13 Preisträger erhalten in den Kategorien Behindertenfußball, Resozialisierung, Schule und Verein, Fußball Digital sowie Sozialwerk Geldpreise in Gesamthöhe von 45.000 Euro. Platz eins in der Kategorie Resozialisierung belegt der TSV Elmshausen aus dem Hessischen Fußball-Verband. Der Journalist Rainer Kalb über die besondere Geschichte dahinter.

Ein Jugendlicher gerät auf die schiefe Bahn, bricht in das Haus seines Freundes ein, bedroht den Vater seines Kumpels mit einer Waffe, wird geschnappt und verurteilt. Im Rahmen einer Resozialisierungsmaßnahme soll ihm als begleiteter Freigänger das Fußballspielen ermöglicht werden, ein Probetraining wird für das Talent vereinbart. Dort trifft er ausgerechnet seinen Freund wieder, dessen Haus er überfallen hat, entschuldigt sich bei ihm und dessen Vater. Die Opfer verzeihen dem Täter; jetzt spielen die beiden Freunde wieder zusammen Fußball beim TSV Elmshausen an der hessischen Bergstraße.

Viele werden glauben, so etwas gibt es im wirklichen Leben nicht. Aber es ist wahr, so spielt das Leben. Genau so – in Kurzfassung – hat sich die Geschichte von Mohammed, dem Täter, und Marvin, dem Opfer, zugetragen. „Es war ein unglaublicher Zufall“, sagt Christopher Mank, der Justizvollzugsbeamte und Sportübungsleiter aus der Justizvollzugsanstalt Rockenberg, „niemand wusste davon, dass es zu diesem Zusammentreffen kommen würde.“ Die JVA Rockenberg ist eine von 22 Haftanstalten aus zehn Bundesländern, die an der Resozialisierungsinitiative „Anstoß für ein neues Leben“ der Sepp-Herberger-Stiftung teilnimmt.

„Ich kann mich noch gut erinnern, als ich Mohammed beim begleiteten Ausgang zum Probetraining beim TSV Elmshausen mitgenommen habe“, erinnert sich Mank. „Er sollte sich umziehen und wurde in die Kabine geschickt. Plötzlich kam er kreidebleich wieder heraus, als ob er einen Geist gesehen hätte“, so Mank. In der Kabine hatte er den Namen „Marvin“ auf dessen Kabinenplatz entdeckt. Sein einstiger Freund, ein erfolgreicher Stürmer und Torjäger, war allerdings an diesem Tag nicht beim Training, ebenso wenig dessen Vater.

Opfer und Täter in einer Mannschaft

Mohammed war als Jugendlicher häufiger Gast im Haus seines Freundes und Klassenkameraden Marvin. Irgendwann reifte der Plan für den bewaffneten Überfall. Fünf Jahre sind nach diesem Einbruch, einigen weiteren schweren Straftaten und seiner Verurteilung vergangen. Mohammed war ein wirkliches Fußballtalent, das auch beim Spielen in der JVA herausstach. Aber war es nun überhaupt denkbar, dass Opfer und Täter in einer Mannschaft spielen?

Nach Rücksprache mit TSV-Trainer Matthias Rettig konnte dies nur geschehen, wenn Marvin und dessen Vater grünes Licht geben würden. „Uns war klar, dass es nur eine Integration von Mohammed in die Mannschaft geben konnte, wenn die Opfer-Familie einverstanden ist. Deshalb musste es vorher auf jeden Fall ein Gespräch geben“, betont der 1. Vorsitzende des TSV Elmshausen, Andreas Ihrig.

Aber wäre ein solcher Schritt überhaupt in der Praxis umsetzbar? Denn die kriminelle Tat hatte in Marvins Elternhaus tiefe Spuren hinterlassen. Ein Gefühl der Verunsicherung und Angst hatte sich breitgemacht, es dauerte eine ganze Zeit, ehe für Marvins Familie wieder halbwegs Normalität einkehrte. Nach dem ersten Probetraining am Rande des Odenwalds vergingen einige Tage, ehe Mank mit seinem Schützling aus der JVA wieder Gelegenheit hatte, vorbeizukommen. Und diesmal war Marvin, der erst im Zuge der Ermittlungen und des Gerichtsverfahrens von der Identität des Einbrechers erfahren hatte, auch dabei.

„Ich war bereit, ihm eine zweite Chance zu geben!“

Mohammed wusste, dass es alles andere als selbstverständlich sein würde, dass Marvin und dessen Familie seine Entschuldigung akzeptieren. Doch weniger Ressentiments oder Vorwürfe, sondern Verzeihen und Versöhnung kennzeichneten die Aussprache. „Ich war nervös, aber bereit, ihm eine zweite Chance zu geben“, sagt Marvin. Mohammed fiel ein Stein der Erleichterung vom Herzen: „Ich bin sehr dankbar.“ Manks Fazit: „Eine wirklich großartige Geschichte.“

Christopher Mank hat schon früh die Bedeutung des Sports für Strafgefangene erkannt: „Man lernt durch den Sport, Regeln zu akzeptieren, sich in die Gemeinschaft einzubringen. Ich vertrete die Auffassung, dass der Sport auch nach der Haftstrafe vieles erleichtert. Wenn der Tag aus acht Stunden Schule oder Beruf und acht Stunden Schlaf besteht – da bleiben immer noch acht Stunden übrig. Was macht man in der Zeit? Da ist der Sport ein wichtiger Ausgleich.“

Inzwischen ist viel passiert, Mohammed hat die JVA verlassen, hat dank der Ausbildung im Gefängnis und auf Vermittlung von Trainer Rettig eine Anstellung als Bäcker gefunden. „Das ist natürlich absolute Spitze, dass unser Coach hier seine Kontakte hat spielen lassen und ihm diese Stelle besorgt hat“, meint Vereinsvorstand Ihrig.

Gemeinsamer Aufstieg als Krönung

Mit Marvin spielt Mohammed weiterhin zusammen beim TSV Elmshausen. Mank: „Er ist ein klassischer Sechser mit Auge und einem guten Passspiel.“ Marvin ist für die Tore zuständig, der TSV schaffte mit beiden sogar den Aufstieg. „Für uns als Verein war die Rückkehr von Mohammed und die Bereitschaft der Familie, ihm zu verzeihen, ein absoluter Glücksfall“, betont Ihrig. Auch in der jetzigen Saison spielt das TSV-Team eine gute Rolle. „Mohammed ist super integriert“, berichtet Ihrig, „wenn es wieder zum Aufstieg reicht, wäre es natürlich großartig, aber wir sind auch mit dem Erreichten zufrieden.“

Der erste Preis bei den Sepp-Herberger-Urkunden 2020 geht in der Kategorie Resozialisierung an den TSV Elmshausen. Es folgen auf den Plätzen zwei und drei der ESV Hansa Lübeck (Schleswig-Holsteinischer Fußball-Verband) und die Kooperation zwischen der Jugendanstalt Hameln aus dem Niedersächsischen Fußballverband und dem SV Werder Bremen.


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