Hennef/Bruchsal, 08. Oktober 2020 - Viele haben in den vergangenen 50 Jahren Sepp Herbergers Herzensangelegenheit aufgegriffen. Aber keiner wäre geeigneter gewesen, am Mittwoch zu und mit den Strafgefangenen in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal zu sprechen. Ottmar Hitzfeld kam als Botschafter der DFB-Stiftung Sepp Herberger in die Haftanstalt, die Sepp Herberger selbst vor 50 Jahren besucht hatte. Es war damals am 28. September 1970 Herbergers erster Gefängnisbesuch überhaupt gewesen.

Der einzige deutsche Trainer, der die Champions League mit zwei Klubs gewonnen hat und zweimal zum „Welttrainer des Jahres“ gewählt wurde, folgte nun Herbergers Beispiel. Die Trainerdenke, das Faible für soziales Engagement, die Tatsache, dass er seinen Vornamen Ottmar Walter verdankt – der „General“ war die perfekte Besetzung für Bruchsal.

Ottmar Hitzfeld, Baden-Württembergs Justizminister Guido Wolf und DFB-Vizepräsident Dirk Janotta zählten zu den zahlreichen Ehrengästen bei der Feier in der Sporthalle der JVA. Dort, wo vor 50 Jahren das Engagement Herbergers für die Strafgefangenen begonnen hatte, erinnerte man an das Vermächtnis des unvergessenen Bundestrainers. Zuerst beantwortete Hitzfeld die vielen Fußballfragen der Gefangenen, gefolgt von einer durch Norbert König moderierten Podiumsrunde. Zum Abschluss wurde Fußball gespielt – ganz im Sinne des Alt-Bundestrainers also.

Hitzfeld: „Als Trainer erkennt man den Wahrheitsgehalt von Herbergers Leitsätzen“

„Persönlich habe ich Sepp Herberger nie getroffen, aber beschäftigt mit ihm als Trainer habe ich mich später schon“, sagte Hitzfeld. „Er konnte den Fußball wie kein anderer beschreiben. Gerade als Trainer erkennt man den tiefen Wahrheitsgehalt seiner erst simpel klingenden Leitsätze. Wenn sie nach einem wichtigen Sieg aus der Euphorie heraus den Neubeginn gestalten müssen, verstehen sie sehr deutlich, dass nach dem Spiel vor dem Spiel ist.“

Hitzfeld, der 1997 mit Borussia Dortmund und 2001 mit dem FC Bayern München die Champions League gewann, plauderte in der Fragerunde mit den Inhaftierten zielgerichtet aus dem Nähkästchen. Etwa wie er 1997 ein Angebot von Lorenzo Sanz, dem damaligen Präsidenten von Real Madrid, wegen mangelhafter Spanischkenntnisse ablehnte. „Die Sprache“, sagte Hitzfeld, „ist entscheidend“. Er erklärte die Rotation, eine seiner Grundüberzeugungen, für die er auch manchmal kritisiert worden war. „Wir sind kein Team, wenn einige gar nicht spielen.“ Und er erzählte, wie sehr er bei jeder Station unter Heimweh zu leiden hatte. Dortmund sei für ihn Ausland gewesen. Aber, so Hitzfeld weiter: „Man muss sich den Gegebenheiten stellen.“

Alles Botschaften, die für die Inhaftierten auf dem langen Weg zurück in die Freiheit hilfreich sein können.

Hitzfeld erzählte über die erste Deutsche Meisterschaft mit Borussia Dortmund, über Rickens Tor gegen die Weltauswahl von Juventus Turin, über Kahns Parade im Elfmeterschießen gegen Valencia. Er erzählte auch vom Champions League Finale 1999, wie er Alex Ferguson nach dem Abpfiff gratulierte. „Der sagte nur ‚it’s unbelievable, it’s unbelievable‘. Nur das, immer wieder.“ Die vielen Fragen der Inhaftierten („Welcher Spieler hat Sie am meisten gefordert?“) beantwortete er in großer Offenheit und Vertrautheit.

„Sepp Herberger hat damals in Bern die richtigen Stollen aufziehen lassen und mit seiner Mannschaft den ersten WM-Titel für Deutschland gewonnen. Aber mit seiner Idee, die integrative Kraft des Fußballs auch für die Resozialisierung inhaftierter Menschen zu nutzen, lag er mindestens genauso richtig“, betonte DFB-Vizepräsident Dirk Janotta in Bruchsal.

Schlusspunkt der Aktionstage in Bruchsal – Einweihung von neuem Kunstrasenplatz

Die DFB-Stiftung Sepp Herberger veranstaltete in den vergangenen zehn Tagen Aktionstage in Hameln, Berlin und abschließend in Bruchsal, um das 50 Jahre andauernde Engagement des Fußballs im Strafvollzug zu würdigen. An den Terminen in den vergangenen Tagen hatten unter anderem DFB-Präsident Fritz Keller, Bundesjustizministerin Christine Lambrecht sowie die Stiftungskuratoren Lars Klingbeil, Jens Nowotny und Otto Rehhagel teilgenommen.

Seit 2008 hat die Stiftung Herbergers Herzensangelegenheit durch die Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ inhaltlich aufgewertet. Gemeinsam mit starken Partnern aus dem Justizbereich, der Bundesagentur für Arbeit sowie den DFB-Landesverbänden bildet Deutschlands älteste Fußballstiftung Netzwerke, um mit den Straftäter*innen Perspektiven für die Zeit nach der Haft zu entwickeln.

Jung: „Herberger für viele Menschen Wegbereiter in eine bessere Zukunft“

„Die Initiative ‚Anstoß‘ ist ein großer Gewinn für den Jugendstrafvollzug in Baden-Württemberg“ sagte Wolf. Der Justizminister fügte hinzu: „Sepp Herberger hat das Wunder von Bern geschafft. Er ist aber auch für viele Menschen, die sich strafbar gemacht haben, ein Wegbereiter in eine bessere Zukunft.“ Anstaltsleiter Thomas Weber wusste aus seiner direkten Erfahrung zu berichten: „Der Fußball spielt eine herausragende Rolle bei der Resozialisierung.“

Im Doppelpass mit dem Badischen Fußballverband wird der Fußball auch künftig in der JVA Bruchsal eine besondere Rolle spielen. Dazu trägt auch ein neuer Kunstrasenplatz bei, der gestern eingeweiht wurde. Am Ende waren sich alle einig: es war ein besonderer Tag, an einem besonderen Ort, der an einen besonderen Menschen erinnerte: Sepp Herberger bleibt nicht nur in Bruchsal unvergessen. Und sein Wirken lebt in der ihm gewidmeten Stiftung fort.

Kontaktadresse
DFB-Stiftung Sepp Herberger
Tobias Wrzesinski
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Fax 02242 - 918 85 21
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