Hennef/München, 10. Juli 2014 - In München feiert am kommenden Samstag (12. Juli 2014) der frühere Nationalspieler Wolfgang Dremmler seinen 60. Geburtstag. Der Niedersachse engagiert sich seit dem Jahr 2012 als Botschafter und Kuratoriumsmitglied für die Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußball-Bundes. Dabei wandelt er zwischen den Welten: Als Leiter der Nachwuchsabteilung bei Bayern München bildet er hoffnungsvolle Talente aus, als Botschafter der ältesten deutschen Fußballstiftung spendet er jungen Straftätern neue Hoffnung und pflegt damit das Erbe des Weltmeistertrainers. Der Journalist Jörn Schweichler hat ihn bei einem Besuch in der JVA Stadelheim begleitet.

Wolfgang Dremmler sitzt im Gefängnis und ist zufrieden. Das alte Fußballfeld im hinteren Teil der Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim, dort, wo sich die Mauern treffen, hat sich zurechtgemacht für den großen Tag. Dremmler sitzt auf einer Bank, neben ihm steht ein JVA-Beamter mit strengem Blick und verschränkten Armen und beide schauen einer Gruppe Jungs in ausgeleierten Trainingsanzügen dabei zu, wie sie über den Rasen wetzt. „Die reden seit Wochen von nichts anderem mehr“, sagt der Beamte mit Blick auf die Jugendstraftäter. Dremmler lächelt.

Die 15 Jungs mit ihren Stations- und Zellennummern auf der Brust haben noch nie gegen den FC Bayern gespielt. Die fünf Jugendspieler der Münchner, die Dremmler mitgebracht hat, waren noch nie im Knast. „Mir ist wichtig, dass wir die Jungs mitnehmen“, sagt er: „Sie müssen wissen, dass es noch eine andere Welt da draußen gibt.“ Wie dicht diese beiden Welten beieinander liegen, spürt Dremmler jeden Morgen.

Der Vize-Weltmeister von 1982 verantwortet den Jugendfußball beim Rekordmeister Bayern München. Seit 2012 ist er Botschafter der DFB-Stiftung Sepp Herberger, die sich auch für die Resozialisierung von Strafgefangenen engagiert. Die Besuche in Justizvollzugsanstalten gehen direkt auf den Weltmeistertrainer Herberger zurück, der in den 1970er-Jahren begann, Inhaftierten neuen Mut zu schenken. Persönliche Gespräche und ein offenes Ohr für die missliche Situation der Straftäter zeichneten Herbergers Engagement aus. Auf Bitten des „Chefs“ setzte sich auch 54er-Kapitän Fritz Walter für die Insassen ein und transportierte Herbergers Erbe weiter. Heute nehmen neben Walters Teamkollegen Horst Eckel unter anderem auch Oliver Kahn und Wolfgang Dremmler den Ball auf.

„Junge, du kannst das!“

Dremmlers Büro im Leistungszentrum an der Säbener Straße ist hell und geräumig, mit freier Sicht auf den Trainingsplatz. Nebenan sitzt Breno und erledigt Papierkram. „Den habe ich aus Brasilien geholt“, sagt Dremmler über den Verteidiger, der eine Haftstrafe wegen Brandstiftung verbüßt: „Das ist mein Junge.“ Als Freigänger hilft Breno unter der Woche in Dremmlers Sekretariat aus. Er kopiert, faxt und telefoniert, und um 14.30 Uhr fährt er zurück in seine Acht-Quadratmeter-Zelle in Stadelheim.

Wenn er mal Rentner ist, werde er eine Hospitanz im Strafvollzug machen, sagt Dremmler: „Ich muss das mal erleben.“ Als 17-jähriger Shootingstar bei Union Salzgitter zeigt ihm sein damaliger Trainer Hannes Wittfoth die Justizvollzugsanstalt in Wolfenbüttel, deren Direktor Wittfoth war. Nach einer Gesprächsrunde mit Gefangenen sagt Wittfoth: „Junge, du kannst das. Das wird dir ein Leben lang guttun.“

Dremmler kommt am 12. Juli 1954, acht Tage nach dem „Wunder von Bern“, in Salzgitter zur Welt. Zwölf Jahre später verlieren er und seine sechs Geschwister den Vater bei einem Unfall. Dremmler macht seinen Hauptschulabschluss („Da war ich als Nachkriegskind stolz drauf, viele haben damals gar keinen Abschluss gemacht“) und widmet sich dem Sport. Schnell kristallisiert sich das Fußballtalent des jungen Mittelfeldspielers heraus. Über Eintracht Braunschweig kommt er 1979 zum FC Bayern und wird Nationalspieler.

Soziales Bewusstsein tief verankert

Dremmler wird ein stiller Star, einer, der Leistung sprechen lässt, anstatt das Rampenlicht zu suchen. Vor einer Autogrammstunde der Bayern-Spieler auf dem Oktoberfest 1981 erkennen die Ordner Dremmler nicht und fordern den Profi gar zum Weitergehen auf. 1982 nimmt ihn Bundestrainer Jupp Derwall mit zur WM in Spanien. Er wird Vize-Weltmeister. Vier Jahre später endet seine aktive Laufbahn mit vier Meisterschaften und drei Pokalsiegen.

Dremmler versucht sich als Trainer in unterklassigen Ligen, ehe er 1995 Chefscout der Bayern wird. In Südamerika spürt er Talente auf, von denen es eine Handvoll in die Münchner Profimannschaft schafft. 17 Jahre später folgt er auf den ehemaligen Bayern-Torwart Jörg Butt als Leiter der Jugendabteilung. Dremmler ist wieder dicht dran, er beobachtet nicht mehr nur Spiele und Spieler, sondern die Entwicklung von Talenten vor seiner Haustür.

Das soziale Bewusstsein, das heute viele aktive und ehemalige Spieler auszeichnet, ist bei Dremmler tief verwurzelt. Einer, der ihn kennt, sagt: „Dremmler gehört zu einer Gesellschaftsgruppe von Männern, die als Jungen früh ihren Vater verloren haben. Daraus ist ein Gefühl der Verantwortung erwachsen.“ Dremmler selbst sagt, er sei „jemand, der gerne etwas fertig macht“.

Nach einer Knieoperation musste Dremmler im letzten Jahr etwas kürzer treten. Auch bei der Münchner Tafel, für die er montags ein paar Stunden Lebensmittel an Bedürftige ausgibt. „Ich stehe da und verteile Gemüse und dann kommen Leute zu mir, die absolut nichts haben, und fragen: ‚Mensch, Herr Dremmler, wie geht‘s Ihnen nach der Operation?‘ Sowas beschämt mich“, sagt er. Dremmler spricht mit dem ganzen Körper, seine Hände sind ständig in Bewegung. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Foto, das ihn mit ein paar Jugendlichen in einem Gefängnis zeigt. Es gibt schönere Motive, aber Dremmler sagt: „Das ist ein großartiges Foto.“

„Raus aus dem Teufelskreis!“

Zurück in Stadelheim. „Wenn ich die Sepp-Herberger-Stiftung nicht hätte, hätte ich noch nicht einmal Zugang in den Knast“, sagt er auf dem Weg zur anschließenden Gesprächsrunde, bei der es Kaffee und Kuchen gibt: „Wir merken, auf welches Interesse der Fußball bei den Inhaftierten stößt. Wir wollen den Gefangenen beweisen, dass man aus einem Teufelskreis herauskommen kann.“ Die Sepp-Herberger-Stiftung leistet seit dem Jahr 2008 mit der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit und den DFB-Landesverbänden einen gezielten Beitrag zur Resozialisierung von Jugendstrafgefangenen. Mittlerweile sind 15 JVAs in acht Bundesländern involviert.

Dremmler sitzt mit seinen Mitstreitern vom FC Bayern inmitten der jungen Straftäter, es wird gefragt und erzählt und gelacht. Der in die Jahre gekommene Speisesaal neben dem Fußballfeld füllt sich mit Lärm und Leben und für einige möglicherweise auch mit Hoffnung auf eine Zukunft außerhalb der Mauern. Wolfgang Dremmler beobachtet das Geschehen, er sitzt auf einem Tisch und ist zufrieden.


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