Interview mit Oliver Kahn:
„Nehme mich alles andere als wichtig in diesem Job“

Zur Person: Oliver Kahn (41), Vize-Weltmeister 2002, drei Mal Welttorhüter des Jahres, 86 Länderspiele zwischen 1995 und 2006, acht Mal Deutscher Meister, sechs Mal Deutscher Pokalsieger, Weltpokal- und Champions League-Sieger 2001, UEFA-Pokal-Sieger 1996, seit Herbst 2008 ZDF-Fußballexperte.

Als aktiver Spieler mussten Sie sich und Ihre Leistung immer von den Medien beurteilen lassen. Jetzt beurteilen Sie als ZDF-Experte bei dieser WM Ihre Nachfolger auf dem Platz. Ein Lern-Prozess…?

Kahn: „Am Anfang war es sicher ein Lernprozess, da ich noch zu sehr Spieler war. Mittlerweile habe ich die nötige Distanz und versuche mich sachlich und kritisch über das Spielgeschehen zu äußern, um dem Zuschauer einen Mehrwert zu liefern. Dabei kommt mir zugute, dass ich als Kapitän des FC Bayern und der Nationalmannschaft viele Gespräche mit unterschiedlichen Trainern über taktische Gesichtspunkte geführt habe.“

Hat sich dadurch Ihre Einstellung zu den Medien gegenüber früher geändert?

Kahn: „Während meiner Zeit als Spieler hatte ich schon sehr viel mit den Medien zu tun. Die andere Seite kennen zu lernen, lässt bestimmte Dinge verständlicher erscheinen. Insbesondere durch das Internet hat sich die mediale Landschaft gewaltig verändert und eine Meinungsvielfalt entstehen lassen, die kaum noch zu überblicken ist.“

Wie groß ist für Sie der heutige Spaß-Faktor bei Ihrer Arbeit als ZDF-Experte?

Kahn: „Ich mache nach meiner 20-jährigen Karriere nur noch Dinge, die mir Spaß machen. Den Fußball analytisch zu betrachten und ein Spiel ‚zu lesen‘ ist eine besondere Herausforderung. In zwei Minuten die wesentlichen Aspekte eines Spiels auf den Punkt zu bringen ist nicht immer einfach.“

Interessieren Sie sich für die Kritiken zu Ihrer Arbeit nach einem Spiel?

Kahn: „Der Fußball steht nicht mehr im Mittelpunkt meines Lebens. Ich habe viele Dinge zu tun, die mich mehr interessieren als die Kritiken über meine Arbeit als Fußballexperte. Im Übrigen nehme ich mich alles andere als wichtig in diesem Job. Die Spiele sollen im Vordergrund stehen und nicht die Aussagen von Katrin oder mir. Wir begleiten den Zuschauer und können ihm ab und zu neue Blickwinkel rund ums Spielgeschehen eröffnen.“

Wie klappt aus Ihrer Sicht das Zusammenspiel mit ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein?

Kahn: „Nach einer Phase der Eingewöhnung, die völlig normal ist, finde ich unser Zusammenspiel mittlerweile locker, lustig und kompetent. Für Katrin ist es als Frau nicht einfach, sich in der Männer-Domäne Fußball zu behaupten. Sie macht das mittlerweile mit einer Professionalität, die echt beeindruckend ist.“

Nach Abschluss von Vorrunde und Achtelfinale: Ihre sportliche Zwischenbilanz dieser WM?

Kahn: „Der klassische Superstar hat es immer schwerer. Entweder man funktioniert als Team, als Kollektiv oder man hat keine Chance. Superstars, die sich nicht einordnen können, werden ganz schnell ersetzt. Keine Mannschaft kann es sich mehr erlauben, von den Launen eines Spielers abhängig zu sein. Der Star ist das Team, heißt der Leitsatz vieler Trainer. Interessant ist auch zu beobachten, dass viele Mannschaften in einem 4-2-3-1-System agieren, das unterstreicht, dass die so genannte Doppel-Sechs weiterhin einen hohen Stellenwert im modernen Fußball besitzt.“

Was trauen Sie der DFB-Elf nach Ihrem bisherigen Eindruck aus jetzt noch zu?

Kahn: „Ich sehe gute Chancen für unsere Mannschaft, gegen Argentinien zu gewinnen. Die Argentinier sind in der Defensive durchaus anfällig, so dass sich für unsere Spieler sicherlich Tormöglichkeiten ergeben werden. Dass es eine schwere Aufgabe wird, versteht sich aber von selbst. Sollte die deutsche Mannschaft aber ebenso wie gegen England dem Druck standhalten und ins Halbfinale kommen, ist alles möglich.“

Dem einstigen Welttorhüter muss man natürlich auch die Frage zum Niveau seiner Nachfolger stellen. Wer war bislang der beste WM-Torhüter in Südafrika?

Kahn: „Sehr gut haben mir bislang Ghanas Torwart Richard Kingson und Portugals Eduardo gefallen. Der Spanier Iker Casillas oder auch der brasilianische Torwart Julio Cesar wurden bislang noch nicht so gefordert, als dass man ihre Leistung genau einschätzen könnte. In der Vorrunde hat mich auch Diego Benaglio überzeugt, der ist aber mit der Schweiz nicht mehr dabei. Manuel Neuer spielt so, wie man das von ihm erwartet hat. Er ist sehr aufmerksam und hilft der Mannschaft. Er ist noch ein junger Torhüter, deshalb muss man ihm auch mal einen Fehler wie gegen England verzeihen.“

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