Interview mit ZDF-Live-Reporter Béla Réthy
"Löw hat nachhaltige Strukturen geschaffen"

Zur Person: Béla Réthy (53), geboren 1956 in Wien, seit 1979 freier Mitarbeiter in der ZDF-Hauptredaktion Sport, seit 1994 als Live-Reporter bei allen Fußball-Europa- und Weltmeisterschaften im Einsatz, kommentiert am Sonntag in Johannesburg zum vierten Mal ein großes Endspiel nach der EM 1996 (Deutschland-Tschechien), WM 2002 (Brasilien-Deutschland) und EM 2004 (Griechenland-Portugal), Erfahrungen aus acht Welt- und Europameisterschafts-Turnieren und ca. 165 Länderspielen


Kommt bei Béla Réthy nach drei Endspielen noch so etwas wie Nervosität auf oder überwiegt mittlerweile Routine und Gelassenheit?

Réthy: "Es überwiegt eindeutig die Vorfreude. Meine drei bisherigen Finals waren immer etwas Besonderes: Deutschland war zweimal vertreten, dazu kam 2004 der EM-Triumph der griechischen 'Götter' mit Otto Rehhagel. Das sind die besonderen Momente im Berufsleben eines Live-Reporters. Es ist natürlich sehr schade, dass Deutschland den Finaleinzug in Südafrika verpasst hat. Aber das Endspiel zwischen den Niederlanden und Spanien zieht seinen Reiz u. a. daraus, dass auf jeden Fall ein Weltmeister ermittelt wird, den es in der langen WM-Geschichte noch nie gab."

Haben Sie sich für die erste WM auf afrikanischem Boden anders vorbereitet als auf die WM 2002 in Japan/Südkorea oder die heimische WM 2006?

Réthy: "Ich habe mich im Vorfeld am heimischen Rechner noch intensiver vorbereitet, da das Netz hier vor Ort nicht ganz so stabil ist. Ansonsten schreibt das Turnier ab der Finalrunde ohnehin seine eigene Geschichte, so dass man sich jeweils kurzfristig und flexibel vorbereiten muss."

Haben Sie Angst vor einem ähnlichen Zwischenfall wie beim TV-historischen Bildausfall im Halbfinale der EM 2008 zwischen Deutschland und der Türkei in Basel, oder würden Sie durchaus mal wieder gerne in die Rolle des Radio-Reports schlüpfen?

Réthy: "Im Sinne der Zuschauer hoffe ich, dass die Übertragung des Spiels problemlos über die Bühne geht. Im Fall der Fälle sind wir jedoch technisch bestens gerüstet."

Bei der EM 2008 haben Sie die Leistungssteigerung der deutschen Mannschaft im Vergleich zu den beiden vorausgegangenen EM-Turnieren regelrecht als "Quantensprung" bezeichnet. Wie würden Sie die Leistung des deutschen Teams jetzt bei dieser WM einordnen? Und wer ist für Sie die herausragende Gestalt dieser WM auf dem Platz?

Réthy: "Man darf sich bei der Beurteilung der DFB-Auswahl nicht vom Spanien-Spiel leiten lassen. Die Mannschaft hat eine große Zukunft. Bundestrainer Joachim Löw hat Strukturen geschaffen, die nachhaltig sind und viel Hoffnung für die kommenden EM- und WM-Turniere in Polen/Ukraine 2012 und Brasilien 2014 geben. Bis dahin wird man sich dem Niveau Spaniens angenähert und die großen Leistungsschwankungen reduziert haben. Über den bisherigen Turnierverlauf ist Bastian Schweinsteiger der herausragende Spieler für mich."

Sind Sie persönlich mit Skepsis nach Südafrika gereist was Sicherheit und Organisation angeht?

Réthy: "Überhaupt nicht. Ich habe schon bei der WM-Auslosung im Dezember 2009 in Kapstadt gemerkt, wie sich die herzliche und aufgeschlossene Bevölkerung in ihren Gefühlen verletzt sah durch die vielen kritischen Stimmen und Vorurteile, vor allem der europäischen Medien, bezüglich der Sicherheit im Lande und der Organisationsfähigkeit der Südafrikaner. Diese WM war auch eine Botschaft wider die Besserwisserei und Arroganz der Schlaumeier, die in der Butter sitzen. Wir haben hier eine sehr schöne, lebendige und fröhliche WM erlebt."

ZDF-Bilderdienst unter http://bilderdienst.zdf.de/presse/zdffussballwm2010


(09. Juli 2010)
cos-pps/gh-geh