Hennef/Mannheim, 4. April - Im Mannheimer Rosengarten werden am kommenden Montag (9.4.2018) die Sepp-Herberger-Urkunden 2018 verliehen. 15 Preisträger erhalten in den Kategorien Behindertenfußball, Resozialisierung, Schule und Verein, Fußball Digital sowie Sozialwerk die mit Geld- und Sachpreisen in einer Gesamthöhe von 60.000 Euro dotierten Auszeichnungen. Platz eins in der Kategorie Resozialisierung belegt Sport-Union Berlin. Ein Sonderpreis geht an Christoph Rickels. Der Journalist Rainer Kalb stellt die Sieger vor.

Es klingt wie ein modernes Fußball-Märchen und es geht um die Flüchtlingsbetreuung durch Sport-Union Berlin, eines Fußballvereins aus der Hauptstadt, nicht zu verwechseln mit dem 1. FC Union. Der Stadtverein spielt nicht im Profifußball, sondern in der Freizeitliga des Berliner Fußball-Verbandes.

Der sportliche Status ist also überschaubar. Als Fußballspieler sind sie niedrigklassig, als „Gesellschaftsspieler“ dagegen eindeutig erstklassig. Mit dem 1. Vorsitzenden Savas Güler an der Spitze hat man sich auf die Fahne geschrieben, Migranten und Flüchtlingen durch Fußballangebote zu helfen. Aus aller Herren Länder, aus dem Irak, Afghanistan, Tunesien, Gambia oder Syrien kommen die Spieler. Sie wollen Ablenkung, Spaß und sie schätzen die familiäre Atmosphäre in einem Sportverein, viele auch in der Hoffnung, sich noch besser in der neuen Heimat Deutschland zu integrieren. „Im Gegensatz zur Arbeitswelt ist der Sport eine Institution mit nur wenigen Hindernissen“, sagt Savas Güler. So kommen die Flüchtlinge und Migranten gerne zum Training. Der brasilianische Fernsehsender Planeta SporTV hatte Sport-Union Berlin einen Tag im Training mit den Flüchtlingen begleitet. Diese Reportage wurde in Brasilien, dem Land des fünfmaligen Weltmeisters, ausgestrahlt.

„Ein Freund hat ihn zum Training mitgebracht“I
Doch das Engagement für Flüchtlinge ist nur ein Teil der Geschichte. Ein anderer Teil handelt von MIRO, wie er in der Mannschaft mit Spitzname nur genannt wird. „Ein Freund hat ihn so im Frühjahr 2016 zum Training mitgebracht“ berichtet Güler. MIRO war von dem Angebot begeistert, brachte sich ein. Trainiert wurde damals wie heute auf Plätzen in Charlottenburg und Spandau. Der junge Mann mit Migrationshintergrund trat in den Klub ein und entwickelte schnell einen erstklassigen Draht zu den Spielern. MIRO saß damals noch in der Justizvollzugsanstalt Heiligensee ein, verurteilt als Schwerverbrecher, weswegen auch auf Bitten des Vereins der Klarname hier verschwiegen wird.

So war es keine Selbstverständlichkeit, dass er für die Trainingseinheiten und die Spiele Freigang erhielt. Nach dem Training oder den Spielen wurde er von den Union-Spielern wieder zurück in die JVA gebracht. Der Verein musste jeden seiner Besuche beantragen. Doch das lohnte sich, denn die Mannschaft profitierte von seinem Einfluss und wurde deutlich besser, und auch MIRO nahm eine unglaublich positive Entwicklung. Sein Team siegte unter seiner Führung im Jahr 2017 in der Rückrunde sensationelle 14-mal in Folge. Der Aufstieg war fraglos sein maßgeblicher Verdienst. Meistermacher MIRO. Der Verein drehte eigens ein Aufstiegsvideo, in dem MIRO im Mittelpunkt steht. „Er hilft uns sehr“, betont Vereins-Chef Güler.

Die gute Seele des Vereins
Längst ist der einst Verfemte, der eigentlich nur Migranten und Flüchtlingen helfen wollte, im Klub fast unersetzbar geworden. Der Verein erkannte sein Potenzial, schickte ihn auf einen Schiedsrichterkurs. Vom Regelbrecher zum Regelhüter. 2017 leitete er bereits die ersten Spiele. Güler: „Auch hier hat er uns geholfen, denn wir suchten Schiedsrichter, weil ansonsten eine Geldbuße fällig geworden wäre. Er hat das sehr zuverlässig gemacht.“

Der Mann, der in der JVA einsaß, stieg zum Integrationsbeauftragten bei Sport-Union auf. Das Wohlergehen der Flüchtlinge liegt ihm an Herzen, aber nicht nur im sportlichen Bereich. Er unternimmt viel mit den neuen Mitbürgern, geht mit ihnen schwimmen, besucht sie im Krankenhaus und fungiert dabei als Dolmetscher, begleitet sie bei Behördengängen, lädt sie auch schon mal zum Essen ein.

MIRO ist also mehr als ein Spielertrainer, er ist die gute Seele, der Verbindungsmann, der bereitsteht, um dringende Probleme zu lösen. „Wir haben zum Beispiel einen Spieler aus Gambia. Der ist immer im Training gerutscht, weil er kein geeignetes Schuhwerk hatte. Da ist MIRO mit ihm ins Geschäft gegangen und hat ihm neue Schuhe gekauft“, sagt Güler, „so etwas hat er häufig gemacht.“ Entscheidende Kleinigkeiten.

Inzwischen ist MIRO aus der JVA entlassen. „Er ist in meinen Augen ein sehr sozialer Mensch“, äußert Güler: „Ich denke, dass wir ihm dabei als Verein auch geholfen haben, indem wir ihn nicht nach seiner Vergangenheit gefragt und beurteilt, sondern ihn, wie alle anderen, herzlich empfangen haben.“ Stille. Und dann der nachdenkliche Nachsatz: „Das war vielleicht ausschlaggebend für den Neuanfang von diesem super Typen.“

Für dieses bemerkenswerte Engagement belegt Sport-Union Berlin den ersten Platz in der Kategorie Resozialisierung. Ausgezeichnet werden zudem der FC Gelsenkirchen-Schalke 04 (Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen; 2. Platz) und der Südwestdeutsche Fußballverband (3. Platz).

Sonderpreis für Christoph Rickels
Trainer und Spieler wie Otto Rehhagel, Horst Eckel oder Jens Nowotny gehen seit 40 Jahren freiwillig ins Gefängnis, um dort Strafgefangene auf ihrem Weg zurück in ein bürgerliches Leben zu unterstützen. Seit dem vergangenen Jahr besucht erstmals ein Opfer einer Gewalttat im Rahmen der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ die teilnehmenden Haftanstalten, um jugendliche Straftäter mit den Folgen ihres Gesetzesbruchs zu konfrontieren. Christoph Rickels, der durch einen Fausthieb nach dem Besuch einer Diskothek im Jahr 2007 heute schwerbehindert ist, hält vor den Inhaftierten emotionale und authentische Vorträge zum Thema Gewaltprävention, die zum Nachdenken anregen. „Christoph Rickels engagiert sich vor dem Hintergrund seines ganz persönlichen Schicksals im besonderen Maße um die Resozialisierung von Jugendstrafgefangenen im Rahmen unserer Initiative „Anstoß für ein neues Leben“. Dieses beeindruckende Engagement möchten wir mit einem Sonderpreis entsprechend würdigen“, betont Tobias Wrzesinski, Geschäftsführer der Sepp-Herberger-Stiftung.


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