Wien, 22. Mai 2018 - Markus Babbel gab sein Debüt als Profifußballer Anfang der 90er Jahre für den FC Bayern. Nach einigen Jahren bei den Münchnern zog es ihn 2000 nach England zum FC Liverpool. Zum Abschluss ließ er seine Karriere beim VfB Stuttgart ausklingen. Im exklusiven Interview mit Sportingbet spricht der Europameister von 1996 darüber, dass in der Bundesliga Angsthasenfußball gespielt wird, warum die Europa League eine Gefahr für den VfB Stuttgart dargestellt hätte und nennt die Gründe, warum Jürgen Klopp niemals Bayern-Trainer wird.

Ist Klopp derzeit der beste deutsche Trainer?

Markus Babbel:
"Was ihn besonders macht, ist, dass er ein Menschenfänger ist. Das ist seine große Stärke. Ob er der Beste ist, weiß ich nicht, aber, wenn man mit Spielern spricht, die unter ihm gespielt haben, ist es beeindruckend, wie begeistert sie von ihm sind."

Trauen Sie Tuchel die Aufgabe bei Paris SG zu? Thiago Silva wusste nicht einmal, wer Tuchel ist und Neymar gilt auch nicht gerade als einfacher Charakter.

Babbel:
"Definitiv. Er ist ein herausragender Trainer mit viel Knowhow. Die entscheidende Frage ist sicher, ob er mit diesen schwierigen Stars zurechtkommt. Neymar ist dann doch eine andere Hausnummer als die Spieler in Dortmund. Zusätzlich muss er dort nicht nur mit den Spielern zurechtkommen, sondern auch noch mit den gefühlt 24 Beratern, die die Stars von heute mittlerweile haben. Alle kann man nie zufrieden stellen und deswegen hoffe ich, dass der Verein loyal gegenüber Tuchel sein wird und nicht nur gegenüber den Spielern."

Bei den Bayern gab es die ganze Saison eine Trainerdiskussion, bis es dann Niko Kovac geworden ist. Hätten die Bayern nicht eher alles daran setzen müssen, Jürgen Klopp als Trainer zu holen?

Babbel:
"Ich glaube, dass Klopp da nicht mitspielen würde. Er ist ein sehr loyaler Mensch, der sieben Jahre beim Konkurrenten BVB war. Noch dazu hat er einmal in einem Interview gesagt, dass er sich den Job beim FCB gar nicht vorstellen kann, weil er das den Dortmundern nicht antun will. Niko Kovac hat außerdem Frankfurt zweimal fast in den Europacup geführt, aber in der Öffentlichkeit ist man nur ein guter Trainer, wenn man irgendwas gewinnt. Mit guter Arbeit im oberen Tabellendrittel interessierst du keinen. Deswegen freut es mich, dass Kovac jetzt Trainer geworden ist."

Jürgen Klopp wird Ihrer Meinung nach also nie zum FC Bayern gehen?

Babbel:
"Mich würde es überraschen. Ich denke, dass er jetzt einmal in Liverpool ziemlich alt werden wird und dann logischer Nachfolger von Jogi Löw als Bundestrainer ist."

Streit mit Hertha

Eine vergleichbare Situation gab es bei der Hertha ein paar Jahre zuvor. Der Streit ist damals auch über die Medien ausgetragen worden, wobei Sie Manager Michael Preetz der Lüge bezichtigt haben. Sind Sie heute mit der Hertha im Reinen?

Babbel:
"Da gibt es keine zwei Meinungen. Ich habe frühzeitig bekanntgegeben, dass ich meinen Vertrag nicht verlängere und zwei Monate später ist er (Preetz, Anm.d.Red.) dann zu mir gekommen und hat noch einmal gefragt, ob ich nicht weitermachen will. Anscheinend hat er die Information, dass ich nicht verlängere, nicht weitergegeben oder hat es sich nicht getraut. Genau weiß ich es auch nicht, aber mittlerweile ist mir das auch egal. Ich habe in meinen Augen nichts Verkehrtes gemacht. Danach ist der Streit dann etwas eskaliert, obwohl das nicht von mir inszeniert wurde. Ich muss bei allem, was ich sage aufpassen, dass ich nicht wieder eine Strafe von der Hertha bekomme. Das Kapitel ist für mich jedenfalls zu Ende. Ich weiß die Leute bei diesem Verein einzuordnen und sie stehen bei mir in der Beliebtheitsskala bestimmt nicht an oberster Stelle. Wie es auseinandergegangen ist, hat mir im Nachhinein bestätigt, dass es das Richtige war den Verein zu verlassen."

FC Bayern

Sie waren lange Zeit als Spieler bei den Bayern. Sehen Sie den Verein gewappnet für den dringend notwendigen Generationenwechsel?

Babbel:
"Ich habe nicht das Gefühl. Jetzt wurden gerade wieder drei Spieler verlängert, die teilweise weit über 30 Jahre alt sind. Robben und Ribéry sind zwei Spieler, die einen hohen Anspruch an sich selbst stellen und immer spielen wollen. Wenn man ihnen erlaubt sich bei den Oberen im Verein auszuheulen, weil sie nicht in der Startaufstellung stehen, dann wird das zum Problem werden. Für mich wird die entscheidende Frage sein, wie loyal der Verein in diesen Dingen zu Niko Kovac steht. Es wird nämlich die Situation auf ihn zukommen, in der er Ribéry auf die Bank setzen muss, weil Coman jünger und mittlerweile auch besser ist. Da wird die Frage sein, ob Robben und Ribéry professionell genug sind, das zu akzeptieren oder ob sie den Weg über die Verantwortlichen wählen. Ribéry hat ja einen sehr engen Draht zu Uli Hoeneß."

In den letzten Jahren waren die Bayern noch dominanter als zu Ihrer Zeit in München. Man geht nun aber mit einem jungen, relativ unerfahrenen Trainer in die neue Saison und gleichzeitig setzt man auf viele Spieler, die bereits in die Jahre gekommen sind. Kann sich hier die Chance für die Verfolger bieten?

Babbel:
"Wir waren damals auch schon besser, als die meisten anderen Vereine, aber sie wollten uns zumindest weh tun und haben sich nicht bereits vor dem Spiel aufgegeben. Diese Einstellung fehlt den anderen Clubs in der Liga anscheinend. Die Verfolger, wenn man sie denn so nennen kann, müssten auch ihre Ansprüche wieder ändern. Es kann ja nicht sein, dass man immer nur den zweiten Platz als Ziel ausgibt. Meiner Meinung nach hat das Anspruchsdenken in der Bundesliga einfach abgenommen."

VfB Stuttgart - Angsthasenfußball in der Bundesliga

Im Gegensatz zum HSV hat der VfB Stuttgart eine sensationelle Rückrunde gespielt. Hätten der FC Bayern den DFB-Pokal gewonnen, hätte Stuttgart international mitgespielt. Wäre der Verein schon wieder reif dafür?

Babbel:
"Das sehe ich als riesengroße Gefahr für den Verein. Zwar hätte ich mich sehr für den VfB und für Tayfun Korkut gefreut, aber ich habe Bedenken, ob man die Dreifachbelastung hinbekommt. Natürlich sind dort gute Leute am Werk, wie Michael Reschke, die sich viele Gedanken machen werden, aber es wird immens schwierig sein das zu schaffen."

Korkut lässt nicht den ansehnlichsten bzw. modernsten Fußball spielen. Man schlägt viele lange Bälle auf Gomez und Ginczek und wartet ansonsten viel ab. Hat man damit international Erfolg?

Babbel:
"Ganz generell muss in der Bundesliga ein Umdenken her. In vielen Spielen würde ich mir von den Clubs mehr Dominanz, mehr Gier auf den Ball wünschen. Oft geht es nur um das Ergebnis und nicht um ein schönes Spiel. Da muss sich auch bei den Fans etwas ändern. Solange man die drei Punkte holt ist alles in Ordnung, spielt man aber schönen Fußball und verliert unglücklich, ist gleich alles schlecht. Das empfinde ich ein bisschen als Heuchlerei. Da würde ich mir eine spanische oder holländische Mentalität wünschen. Dort gehen die Leute ins Stadion und wollen einen schönen Fußball sehen und nicht so ein Gewürge und Gebolze, wie man es hierzulande oft sieht. Das ist ja Angsthasenfußball, der nicht ansatzweise unterhaltsam ist."

Spielen Sie auf Schalke 04 an?

Babbel:
"Nein, nicht speziell. Ich würde mir einfach mehr Spielkultur wünschen. Mit dem spielerischen Konzept, das viele Teams haben, wird es nämlich international verdammt schwierig werden. Siehe Hertha oder Köln, die immense Schwierigkeiten hatten, wenn sie selbst das Spiel machen mussten."

Manuel Neuer oder ter Stegen

Wenn man davon ausgeht, dass Manuel Neuer fit ist und zur WM mitfährt: Würden Sie Manuel Neuer als Nummer eins nominieren oder Marc-Andre ter Stegen?

Babbel:
"Ich gehe davon aus, dass Manuel Neuer Nummer eins ist, wenn er zur WM mitfährt. Wenn er sagt, dass er fit ist, dann steht er auch im Tor."

Auch, wenn er bis dahin kein Pflichtspiel absolviert hat?

Babbel:
"Wir sprechen hier nicht von irgendeinem Torhüter, sondern vom besten Torhüter der Welt. Außerdem wird er im Training auf einem sehr hohen Niveau gefordert. Das ist so wie früher bei Oliver Kahn. Wenn der gesagt hat, dass er fit ist, dann hat er gespielt und hat gehalten wie eine Eins."

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