Hennef/Herford 21. August 2018 - Die beiden früheren deutschen Nationalspieler Olaf Thon und Martin Max waren in der JVA Herford zu Gast. Im Rahmen der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ der Sepp-Herberger-Stiftung trainieren bekannte Persönlichkeiten aus dem Fußballsport regelmäßig gemeinsam mit jugendlichen Strafgefangenen, unterhalten sich mit ihnen und sprechen den Inhaftierten Mut für ihren zukünftigen Lebensweg zu. Der Besuch von Thon und Max in der Jugendstrafanstalt basiert auf einer langjährigen Patenschaft des FC Schalke 04 mit der JVA Herford.
Olaf Thon und Martin Max haben den gepflegten Kunstrasen noch nicht mal betreten, da zappelt der Ball schon im Netz. Einmal, zweimal, dreimal. Mit links, mit rechts, mit dem Kopf. Applaus, Jubel, Anerkennung. Olaf Thon, Weltmeister von 1990, und Martin Max, zweifacher Torschützenkönig der Fußball-Bundesliga, wissen sofort, dass sie hier richtig sind. Die beiden früheren deutschen Nationalspieler besuchen im Auftrag der Sepp-Herberger-Stiftung und des FC Schalke 04 die JVA Herford und halten dort mit den Strafgefangenen eine ganz besondere Trainingseinheit ab.
„Es ist für uns eine Ehre, dass wir hier sein dürfen“, sagt Olaf Thon bei seiner Begrüßung zu den Häftlingen. „Als ich selbst noch jung war, habe ich auch manchmal Mist gebaut. Aber ich hatte das Glück, auch dank meines Umfelds nicht auf die schiefe Bahn zu geraten. Ich weiß, wie schnell das gehen kann. Jeder hat deshalb eine zweite Chance verdient, aber die solltet ihr dann auch nutzen. Der Fußball kann euch die Rückkehr in das normale Leben erleichtern.“

Fußball verdrängt kurzfristig alle Probleme
Es ist eine ganz besondere Atmosphäre, als Thon die Insassen die ersten Aufwärmübungen durchführen lässt. Das grüne Feld, zwei Tore, die weißen Begrenzungslinien – alles ganz normal. Aber umgeben ist der Platz von riesigen Mauern, Stacheldraht, vergitterten Fenstern und Überwachungskameras. Der Fußball allerdings verdrängt alle diese negativen Begleiterscheinungen. Als der Ball rollt, sind alle nur noch Sportler, Fußballer und nicht mehr Kriminelle, Drogendealer. „Ich bin schon zum zweiten Mal hier“, sagt Martin Max. „Wie schon beim ersten Mal ist das Gefühl beim Betreten des Geländes sehr bedrückend. Aber wenn die Jungs kicken, scheinen ihre Probleme ganz weit weg zu sein.“
Max und Thon trainieren an diesem Tag zwölf junge Erwachsene, die einen Platz in der Gefängnis-Mannschaft ergattert haben. Diese ist ein Teil der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“. Das Projekt der Sepp-Herberger-Stiftung und der Bundesagentur für Arbeit wird inzwischen in 19 Haftanstalten in neun Bundesländern durchgeführt, um jungen Straftäterinnen und Straftätern mit Sport, Ausbildung und intensiver Betreuung eine bessere Perspektive für die Zeit nach der Inhaftierung zu eröffnen.

Riesiges Interesse an Gefängnis-Mannschaft
In der JVA Herford befinden sich derzeit etwa 300 männliche Straftäter zwischen 14 und 24 Jahren. Friedrich Waldmann ist Leiter der Anstalt. Auch er freut sich sehr über den bekannten Besuch: „Die Insassen sollten das als Zeichen sehen, dass die Gesellschaft sie nicht vergessen hat. Es ist ein tolles Signal, dass über die Sepp-Herberger-Stiftung und über den FC Schalke 04 immer wieder solche Aktionen gestartet werden können.“ Besonders die Gefängnis-Mannschaft erfreue sich großer Beliebtheit: „Das ist wirklich eine super Sache, die unseren Straftätern sehr hilft. Leider reicht die Anzahl der Plätze nicht aus, um das Interesse aller zu befriedigen.“
Fabian (21) ist der Kapitän der Mannschaft. Blaue Augen, blonde Haare, ein freundliches Lächeln, ein fester Händedruck. Fabian erfüllt keines der Klischees, die womöglich viele bei den Inhaftierten vermuten. 24 Tage muss er noch hierbleiben. Dann kann er raus, in die Freiheit. Er wird die Chance nutzen, die ihm hier geboten wird. Direkt im Anschluss an seine Inhaftierung wird er in eine Drogenentzugsklink gehen. Den ersten Schritt in sein neues Leben wird er dann hinter sich gebracht haben, der zweite steht ihm unmittelbar bevor, der dritte wird folgen. Trotz aller Erfolge ist der Weg noch weit. Aber er will ihn gehen. Dabei helfen soll ihm auch die Anstoß-Initiative: „Diese Fußballgruppe ist für mich ein ganz entscheidender Baustein während meiner Knastzeit“, betont Fabian. „Das ist eine super Abwechslung zum sonst oft eintönigen Alltag und außerdem ist es eine gute Möglichkeit, dass ich mich richtig auspowern kann und abends erschöpft ins Bett falle.“
Die Gefängnis-Mannschaft trainiert durchschnittlich zweimal die Woche 90 Minuten in der Anstalt. Für die Spieler sind die Einheiten, die meist vom Sportbeamten Christoph Real geleitet werden, die Höhepunkte der Knastzeit. „Wenn die Jungs hier auf dem Platz stehen, geht es nur noch um Fußball“ erklärt Real. „Alles andere spielt dann keine Rolle mehr. Über den Fußball können wir ihnen ganz wichtige Themen vermitteln, die in ihrem Leben bisher zu kurz gekommen sind.“ Gutes Benehmen, Regeleinhaltung, Teamgedanke, Engagement für die Gruppe, Frusttoleranz sind in diesem Zusammenhang Schlagworte, die Trainer Christoph Real nennt – und diese Trainingseinheit mit den beiden Ex-Profis sei in diesem Zusammenhang ein ganz wichtiger Baustein.

Profis erzählen Anekdoten aus ihrer Karriere
Nachdem das Aufwärmen mit Olaf Thon beendet ist, übernimmt Martin Max die Verantwortung. Der 50-Jährige legt den Schwerpunkt auf den Torabschluss. Die Übungen, die er vorgibt, sind kompliziert. Erst fliegt der Ball kreuz und quer über den Platz. Nur selten landet er dort, wo er eigentlich hinsoll. Aber nach ein paar Runden haben alle verstanden, was zu tun ist. Das ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt im Knastalltag – die Insassen sollen auch geistig gefordert werden. Und zwar auf spielerische Art und Weise, dann funktioniert es am besten. Zum Abschluss der Trainingseinheit steht noch ein 20-minütiges Spiel auf dem Programm. Das Team-Thon schlägt das Team-Max mit 4:2. Aber das spielt hinterher kaum noch eine Rolle. Allen hat es riesigen Spaß gemacht, das war die wichtigste Erkenntnis.
Danach steht eine kleine Fragerunde auf dem Programm. Thon erzählt von seinen Anfängen beim FC Schalke 04, von seinem Wechsel zum FC Bayern München und seiner Rückkehr in den Ruhrpott. Er lässt die Ereignisse rund um den Gewinn des UEFA-Pokals 1997 noch einmal aufleben, berichtet vom Gewinn der Weltmeisterschaft im Sommer 1990 in Rom, von seiner Beziehung zu Franz Beckenbauer und seiner kurzen Trainerkarriere und den Fehlern, die er in dieser Zeit gemacht hat. Auch Martin Max kann die Zuhörer mit der einen oder anderen Anekdote zum Schmunzeln bringen. Und dann geht der Besuch, der für beide Seiten lehrreich war, auch schon wieder zu Ende. Die einen können wieder raus, die anderen müssen bleiben.

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